Schutzgut des § 23 MedienG ist - im Gegensatz zu § 7b MedienG - nicht das Individualinteresse des Beschuldigten, sondern die Sicherung der Unparteilichkeit der Rsp
GZ 6 Ob 30/15b, 19.03.2015
OGH: § 23 MedienG regelt die verbotene Einflussnahme auf ein Strafverfahren. Der sachliche Anwendungsbereich der Vorschrift erfasst präjudizierende Veröffentlichungen über gerichtliche Strafverfahren. Dabei besteht in zeitlicher Hinsicht eine ausdrückliche Einschränkung auf solche präjudizierenden Veröffentlichungen, die während eines Hauptverfahrens im Zeitraum zwischen Rechtswirksamkeit der Anklageschrift bzw im Verfahren vor dem Einzelrichter des Landesgerichts oder im bezirksgerichtlichen Verfahren nach Anordnung der Hauptverhandlung und vor dem Urteil erster Instanz erscheinen. Der Wortlaut des § 23 MedienG wurde im Zuge der StPO-Reform 2008 nur terminologisch angepasst.
Die StPO-Reform hat an der grundsätzlichen Trennung zwischen Ermittlungsverfahren und Hauptverfahren nichts geändert. Vielmehr wurde die Trennung sogar dadurch stärker akzentuiert, dass das Gericht des Ermittlungsverfahrens - anders als nach altem Recht - mit der Anklage nicht befasst wird. Die Gefahr einer Beeinflussung des sodann das Hauptverfahren leitenden Richters ist nach der neuen Rechtslage durch Berichterstattungen während des Ermittlungsverfahrens wohl sogar weniger gegeben als nach der alten Rechtslage. Die inkriminierte Veröffentlichung fällt schon aus zeitlichen Gründen nicht in den Anwendungsbereich des § 23 MedienG.
Schutzgut des § 23 MedienG ist - im Gegensatz zu § 7b MedienG - auch nicht das Individualinteresse des Beschuldigten, sondern die Sicherung der Unparteilichkeit der Rsp.
Im Übrigen beschränkt sich der inkriminierte Artikel auf eine wahrheitsgemäße Wiedergabe des Ergebnisses eines im Vorverfahren eingeholten Gutachtens. Bei dieser Sachlage besteht aber für die von der Revision begehrte Erstreckung von Wertungen des § 23 MedienG auf § 78 UrhG oder § 16 ABGB im Wege einer Analogie schon im Ansatz keine Grundlage. Einer derartigen Argumentation steht der eindeutige Gesetzeswortlaut und die klare gesetzgeberische Absicht entgegen. Der Persönlichkeitsschutz ist zudem durch die §§ 16, 1330 ABGB sowie § 78 UrhG ausreichend gewährleistet.